Einführung
in den Themenkreis:
Am
Anfang dieses Seminars über "Gestalt in der Architektur" steht
die Demonstration eines einfachen Gestalt-Phaenomens (eines Quadrates
in verschiedenen Darstellungsarten: Umriß linear gezeichnet /Fläche
schraffiert /Ecken angedeutet /gestrichelt /in verschiedenen Größen
/tiefenräumlich verzerrt /farbig angelegt etc.) sowie der Versuch
einer ersten vorläufigen Definition: 1. Gestalten sind Ganzheiten,
die gegenüber der Summe ihrer Teile eine andere, neue Qualität
haben, 2. Gestalten sind Einheiten, die sich von einer Umgebung
/einem Grund als etwas Andersartiges abheben, 3. Gestalten sind
transponierbar, d.h. man erkennt sie wieder, auch wenn sie in
veränderten Techniken, Materialien, Farben, Größen etc. dargestellt
werden.
Das
Seminar versucht, die Besonderheiten architektonischer Gestalten
und Gestaltung einzukreisen, geht aber von der Demonstration und
Definition von Gestaltphaenomenen und -Begriffen verschiedenartiger
Wissenschaften und Künsten aus. Es zeigt sich, daß sich in allen
Schichten und Bereichen unserer Welt Gestalten als tragende Ordnungen
nachweisen lassen: sowohl in der äußeren Welt der physischen,
vorgegebenen Dinge ("Welt 1" im Sinne von Karl R. Popper 1)
), als auch in der inneren Welt der bewußten oder unbewußten psychischen
Zustände ("Welt 2" im Sinne von Popper) und in der Welt der Darstellungen,
der menschlichen Schöpfungen und Erzeugnisse (Poppers "Welt 3").
Gestalt muß als eine grundlegende Struktur unserer ganzen Welt
erkannt werden.
Welt
1
Vor
Einstein waren die bedeutenden Struktur-Auffassungen vom Aufbau
des physikalischen Universums im Wesentlichen reduktionistisch,
d.h. sie versuchten Welt-Erklärungen durch Rückführung aller Formen
und Vorgänge auf kleinste Teile und deren kausale Verknüpfungen.
Bei Descartes erreichte diese atomistische Darstellung des Weltmodells
ihren Höhepunkt: die physikalische Welt erschien als Maschine,
die aus bestimmten Teilen auf bestimmte Weise zusammengesetzt
ist. Newton hat dieses Weltbild großartig ausgebaut, indem er
es schlüssig berechenbar machte. Die Überwindung dieses mechanischen
Weltmodells durch die moderne Physik wurde u.a. durch Beobachtungen
irreversibler Prozesse (Mischung von schwarzem und weißem Sand
als einfaches Beispiel) vorbereitet. Die Formulierung der grundsätzlichen
Zunahme der Unordnung (der "Entropie") durch den II. Hauptsatz
der Thermodynamik berührte ganzheitliche Phaenomene im Bereich
der Physik, bei denen Strukturzusammenhänge nicht mehr restlos
aus der Eigenart ihrer Komponenten abgeleitet werden konnten.
In einem bedeutenden Gedanken-Experiment mit kreiselnden Elektronen
hat Niels Bohr nachgewiesen, daß Elektronen-Systeme bei bestimmten
Anordnungen Ganzheiten darstellen, deren Eigenarten nicht mehr
durch die Merkmale ihrer Bestandteile - der einzelnen Elektronen
- und ihrer gegenseitigen kausalen Wirkungen charakterisiert sind.
2) Sie stellen vielmehr Einheiten ("physikalische Gestalten")
dar, die im atomistischen Sinne nicht mehr erklärbar sind. Das
physikalische Universum wird in der modernen Naturwissenschaft
nicht mehr ausschließlich aus seinen Einzelteilen und deren Kausalverknüpfungen
heraus gedeutet - wie bei Descartes - vielmehr aus komplexen Wechselbeziehungen
innerhalb eines einheitlichen Ganzen. Die letzten Mikrostrukturen
des Weltalls sind nicht mehr "Dinge", sondern "einheitliche Verknüpfungen".
In der modernen Physik nennt man diesen ganzheitlichen philosophischen
Ansatz "bootstrap-Methode".
Eine
ähnliche Entwicklung vom reduktionistisch-atomistischen zum ganzheitlich-ökologischen
Denken kann man in der Biologie beobachten. Descartes beschrieb
den Menschen als aus Geist und Körper zusammengesetzt, wobei der
Körper wie eine Uhr aus bestimmten Teilen und deren Relationen
konstruiert gedacht war. Die Teile dieser Uhr konnten getrennt
voneinander studiert, behandelt, ausgetauscht und repariert werden.
Daraus resultierte das medizinisch-diagnostische Ideal von Louis
Pasteuer und Robert Koch, das bestimmte Bakterien und Viren als
Auslöser bestimmter Krankheiten sah und den Körper insgesamt als
Kombination einzelner Wirkungsfaktoren begriff. Obwohl heute mehr
als 75 % aller Ärzte in diesem konservativen Sinne "Spezialisten"
(d.h. für einzelne Körperteile oder einzelne Behandlungsmethoden
zuständig) sind, gewinnen die Einsichten in ganzheitliche Zusammenhänge
und wechselseitige Abhängigkeiten von Körper und Geist an Bedeutung.
Ganzheitsphaenomene werden nicht nur bei der Beschreibung der
Körper-Merkmale von Organismen (Morphologie), sondern auch mehr
und mehr bei der Beschreibung ihres Verhaltens betont. Der Übergang
zu einer ganzheitlich-ökologischen Weltsicht der Biologie wurde
vor allem auch durch Jakob v. Üxkülls Umwelt-Lehre vorbereitet,
in der die Charakteristik der Lebewesen gerade in der Gesamtheit
des Bezugssystems Individuum /Umwelt gesehen wird, d.h. in raumzeitlichen
"Gestalt-Strukturen", die das Leben ordnen.
Welt
2
Die
Psychologie spricht von "Gestalt-Qualitäten" sowohl bei der Untersuchung
von Wahrnehmungsphaenomenen als auch bei der Beschreibung von
Verhaltensformen, Willenshandlungen, Denkverläufen und zwischenmenschlichen
Beziehungen. Vor allem durch den Anstoß von Christian v. Ehrenfels
3) untersuchte man etwa seit 1910 Wahrnehmungsgestalten
(zunächst im Sehraum und im Hörraum). Ehrenfels selbst unterschied
"zeitliche Gestalten" (z.B. Melodien, hier sei die Erfahrungsgrundlage
nur zum Teil in der Wahrnehmung gegeben, zum Teil auch in der
Erinnerung bzw. der Erwartung) von "unzeitlichen Gestalten" (auf
der Grundlage mehrerer Sinnesgebiete). Er definiert Gestalten
als Bewußtseinsqualitäten eigener Art: "Unter Gestalt-Qualitäten
verstehen wir solche positive Vorstellungsinhalte, welche an das
Vorhandensein von Vorstellungskomplexen im Bewußtsein gebunden
sind, die ihrerseits aus voneinander trennbaren (d.h. ohne einander
vorstellbaren) Elementen bestehen." Seitdem werden psychische
Ganzheiten nicht nur in der Wahrnehmung, sondern auch beim Denken
allgemein, im Verhalten, bei Willenshandlungen usw. als "Gestaltqualitäten"
charakterisiert. Gestalten sind dabei immer Bewußtseinsqualitäten,
die etwas anderes sind als die Summe ihrer Teile, die sich in
ihrer Eigenart von einem Umfeld abheben und die "mehr oder weniger
geschlossene, in sich gegliederte Ganze" sind. Seelisches ist
hier nicht aus Elementen zusammengesetzt, vielmehr von primärer
Ganzheitlichkeit. Für die Entwicklung der Gestalt-Psychologie
hatten besonders die Erklärungen von Max Wertheimer zu Effekten
des stroboskopischen Sehens (Scheinbewegungen beim abwechselnden
Sichtbarmachen einzelner Schatten) 1911 und Wolfgang Köhlers 4)
Schimpansen-Versuche auf Teneriffa (das "einsichtige Erfassen"
einer Gesamtsituation oder auch "Gestalt-Denken") 1914-1918 grundlegende
Bedeutung. Kurt Lewin weitete die Gestaltpsychologie mit seiner
"Feld-Theorie" in sozialpsychologische Bereiche hinein aus. Eine
philosophische Gesamtsicht der Gestalttheorien versuchte in neuerer
Zeit Karl Bühler 5). Eine Fülle von wahrnehmungspsychologischen
Forschungsergebnissen wurde insbesondere von Wolfgang Metzger
(Münster) und Edwin Rausch (Frankfurt) veröffentlicht.
Konrad Lorenz macht darauf aufmerksam, daß die individuelle Fähigkeit
zur Wahrnehmung komplexer Gestalten von Mensch zu Mensch verschieden
ist, sie sei im wesentlichen angeboren und könne kaum gelehrt
und durch Lernen verbessert werden (im Gegensatz zu rational-analytischer
Begabung). Es scheint aber erwiesen, daß besonders die Fähigkeit
des menschlichen Geistes zur Erfindung neuer Qualitäten ("Welt
3": Einfälle, Entwürfe, Erfindungen, Kunstwerke ...) von Vorgängen
der Gestalt-Erzeugung - "Gestaltung" im weitesten Sinne - abhängt.
Welt
3
Gestaltphaenomene
lassen sich nicht nur in der Welt der vorgegeben physischen Dinge
und in der Innen-Welt der bewußten und unbewußten Vorstellungen
aufzeigen. Darüber hinaus sind alle menschlichen Werke gestalthaft.
So sind z.B. Gedanken-Werke (Gedanken als Denk-Ergebnisse), z.B.
das erwähnte Cartesianische Weltmodell, der "Kosmos als Maschine"
im Sinne der Grunddefinition gestalthaft. Eine solche "Denkfigur"
ist eine Ganzheit, die etwas anderes aussagt als jeder der eingesetzten
Begriffe, sie hebt sich mit ihrer besonderen Ordnung von einem
Denk-Umfeld ab und sie ist wiedererkennbar auch in verschiedenartigen
Darstellungen. Auch sind selbstverständlich alle technischen Geräte
(z.B. eine Uhr) und alle Kunstwerke (Bilder, Plastiken, Bauwerke,
Musikstücke, Tänze, Gedichte usw.) gestaltet. Es ist aber durchaus
auch möglich und üblich, bei gesellschaftlichen Formen von Gestalt
und Gestaltung zu sprechen, bei der Bildung von Staaten, von Institutionen,
Religionen, Wirtschaftssystemen usw. (z.B. sind die parlamentarische
Demokratie, die freie Marktwirtschaft und die katholische Kirche
gestaltet). Sogar ganze Kulturkreise (z.B. die westafrikanische
"Kulturlandschaft") können als komplexe kollektive Werk-Gestalten
verstanden werden. Einer dieser Komplexe von Gestalten aus "Welt
3" ist der engere Gegenstand dieses Seminars, die Architektur.
Die Rolle der Gestaltphaenomene in der Architektur Bei einer ersten
Beschreibung der Gestaltphaenomene in der Architektur ist es sinnvoll,
unzeitliche, zeitliche und komplexe Gestalten entsprechend der
Definition von Ehrenfels zu unterscheiden. Unzeitliche Gestalten
sind z.B. die zwei- und dreidimensionalen aesthetischen Qualitäten
wie das "Bild" einer Fassade, die "Figur" eines Grundrisses, die
"Silhouette" oder die "Plastik" der Baumassen etc. ... Unzeitliche
Gestalten sind aber auch die geschlossenen technischen Systeme,
etwa Tragwerke als "Strukturformen" im Sinne von Curt Siegel 6).
Zeitliche Gestalten sind dagegen geschlossene funktionale Strukturen
wie etwa das eigene Zimmer oder die Wohnung als "Spielfeld des
Lebens", die Nachbarschaft, Heimat usw., d.h. der Lebensraum als
ein gestaltetes Funktionensystem. Die sinnvollen Abläufe gehören
hier zu den Hauptmerkmalen der raumzeitlichen Struktur.
Als
"architektonische Gestalt" im eigentlichen Sinne können solche
Qualitäten gebauter Dinge definiert werden, die sinnvoll aufeinander
bezogene Systeme aesthetischer, funktionaler und technischer Gestaltmerkmale
enthalten. Architektonische Gestalten, die diesen Namen verdienen,
sind Komplexe vielschichtiger Erlebnisgegenstände, die (dreifach)
geordnete räumliche Einheiten darstellen und sich abheben vom
Umraum. In einem typologischen Sinne sind sie transponierbar,
d.h. in wesentlichen Zügen wiedererkennbar, auch wenn sie unter
anderen praktischen Bedingungen, an anderen Orten usw. reproduziert
werden. In anderer Hinsicht sind sie jedoch konkret, unwiederholbar
und an einmalige, menschliche, historische und landschaftliche
Situationen gebunden. Jedenfalls ist das Schaffen von gestaltetem
Raum das entscheidende Architektur-Spezifikum und das wichtigste
Entwurfsziel! "Gestaltung" heißt also beim Raumschaffen: aesthetische,
funktionale und technische Gestalten sinnvoll aufeinander beziehen.
"Architektonische Elemente" sind dabei die kleinsten Werk-Einheiten,
die in ihrer dreischichtigen Struktur die Raumgestaltung beeinflussen.
Bauwerke, Straßen, Plätze, Städte sind jeweils höhere architektonische
Gestalten, die aus Elementen zusammengesetzt sind, aber in ihrer
Größenordnung jeweils neue, eigene Qualitäten haben.
"Gestaltungslehre"
meint zwar in der Architekten-Ausbildung meist einzelne Bereiche
der aesthetischen Syntax (die der wohlproportionierten Flächen,
der Farbe, der plastischen Qualitäten etc.); genau genommen muß
aber jedes Fach dieser Ausbildung - auch jedes Technik oder Funktion
isolierende Fach - Gestaltzusammenhänge suchen und umgekehrt:
jede Gestaltungslehre für Architekten muß die Bindung der aesthetischen
Gestalten an technische und funktionale Strukturen (wie auch immer
verstanden: praktisch, wirtschaftlich, körperlich, seelisch, politisch,
philosophisch) einbeziehen. Gerade der Gesamtzusammenhang macht
"architektonische Gestaltung" aus.
Ausblick
Wir
haben gesehen, daß "Gestalt" eine der bedeutendsten Ordnungsgrundlagen
unserer Welt ist. In der Kulturgeschichte Europas scheint sich
nach einer langen Phase der Betonung reduktionistischen, rationalistischen
Denkens mehr und mehr Ganzheitsdenken durchzusetzen. Das Denken
in Gestalten, d.h. in komplexen Ganzheitszusammenhängen wird häufig
schon als höherrangig empfunden als das spezialistische, atomistische
Denken in Teilen und Verknüpfungen nach Kausalgesetzen. F. Capra
sieht als positive Entwicklungs-Symptome in diesem Sinne: das
Ökologiedenken in der Politik (das die Jugend der ganzen Welt
erfaßt hat), die Renaissance der Yin-Yang-Theorie und östlicher
Philosophien wie Lebenspraktiken (der Körper und Geist auf hohem
Niveau gleichermaßen einbeziehen), die gewaltigen Frauenbewegungen
u.v.m..
Die
"Gestaltung" ist auch beim Machen von Architektur das wichtigste
übergreifende, vereinigende Prinzip. Seine steigende Bedeutung
entspricht der vielleicht wichtigsten Entwicklung des philosophischen
Weltbildes.